Russisch-orthodoxe Kirche: Kein Geld?

07. September 2016

Seit mehr als sechs Jahren will die russisch-orthodoxe Kirche in Englschalking auf dem Grund­stück Knappertsbuschstraße 26/Ecke Bruno-Walter-Ring, einem Areal mit brach liegenden Tennis­plätzen, parallel zur Knappertsbusch-Grundschule, auf knapp 7000 Quadratmeter Grund ein Ge­meindezentrum (die nutzbare Fläche beträgt 675 Quadratmeter) mit Gotteshaus, einem Saal für 300 Personen, Kindertagesstätte für 36 Mädchen und Buben sowie Unterrichtsräumen bauen.

Im Zusammenhang mit dem vom Stadtrat beschlossenen Neubau des Wilhelm-Hausenstein-Gym­nasiums (WHG) im gegenüberliegenden Klimapark kamen Fragen auf, auch Gerüchte kursierten, ob das Kirchenareal für den Schulbau nicht gepachtet oder gekauft werden könnte, damit am etwa 120 000 Quadratmeter großen Klimapark weniger als rund 20 000 Quadratmeter fürs WHG „abge­zwackt“ werden müssen. Auf unsere Nachfrage bezog die Kirche Stellung.

Matthias Kobro, Sekretariat/Öffentlichkeitsarbeit, der „Christi-Auferstehungsgemeinde München und Dachau, Russische Orthodoxe Kirche – Moskauer Patriarchat“ erklärte namens Erzpriester Nikolai Zabelitch, auf die Frage, ob die Baupläne noch verfolgt werden, da bis dato auf dem Grundstück nichts geschehen ist: „Die Pläne zum Bau einer Kirche an der Knappertsbuschstraße werden weiterhin verfolgt. Um mit dem Bau beginnen zu können, wird die Aufnahme eines Bankdarlehens geprüft. Dazu wird Eigenkapital benötigt, das durch Spenden zustande kommen soll.“

Die Antwort zu Gerüchten, dass die Kirche aus finanziellen Gründen nicht bauen kann bzw. will: „Bei unserer Tätigkeit lassen wir uns nicht von diversen Gerüchten leiten, sondern handeln unter Berücksichtigung der konkreten Umstände. Ungeachtet aller Gerüchte wird der Beginn des Kirchen­baus genau dann erfolgen, wenn alle notwendigen Voraussetzungen dazu gegeben sein werden.“

„Wollen Sie das Gelände verkaufen?“ Dazu erklärte Kobro: „Auf dem Grundstück soll nach dem Willen des Stifters ein orthodoxes Gotteshaus entstehen. Wir arbeiten daran, diesen Willen auch umzusetzen.“

Auf diesem Eckgrundstück an der Knappertsbuschstraße/Bruno-Walter-Ring, dem Areal der brach liegenden Tennisplätze, parallel zur Grundschule, will die russisch-orthodoxe Kirche ein Gemeindezentrum mit Gotteshaus bauen.    Foto: hgb

Auf diesem Eckgrundstück an der Knappertsbuschstraße/Bruno-Walter-Ring, dem Areal der brach liegenden Tennisplätze, parallel zur Grundschule, will die russisch-orthodoxe Kirche ein Gemeindezentrum mit Gotteshaus bauen. Foto: hgb

Nachgehakt: Könnten Sie sich vorstellen, das Grundstück an die Stadt München zu verkaufen?

„Soweit ich die Diskussion verfolgt habe“, so der Pressesprecher, „sind die Planungen zum Neubau des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium im Fideliopark noch nicht abgeschlossen. Aus unserer Sicht stellt sich die Frage, wie eine Schule für circa 1500 Schüler mit dieser Verkehrsanbindung realisiert werden kann.

Im Zuge des Neubaus werden sicherlich die Zufahrtskonzepte (zwei Einbahnstraßen) optimiert, wovon auch unsere Gemeindemitglieder profitieren würden. Jedenfalls freuen wir uns auch eine gute und fruchtbringende Nachbarschaft.“

So weit, so gut. Fakt ist, dass die russisch-orthodoxe Kirche das Grundstück einst der katholischen Kirche (teuer) abgekauft hatte (den Preis wird geheim gehalten). Dazu kommt, dass Zabelitch im Januar 2011 die Kosten des Zentrumsbaus damals auf „etwa zehn Millionen Euro“ geschätzt hat. Mittlerweile dürften die Aufwendungen wohl bei rund 15 Millionen Euro liegen.

All dies kombiniert mit den Kobro-Aussagen zu „Eigenkapital und Spenden“ sind nunmehr offen­sichtlich Zweifel angebracht, ob die Kirche – als Bauherrin fungiert nach Angaben des Erzpriesters die Tihon-Stiftung, er selbst ist darin Mitglied des Vorstands  – das Projekt finanziell überhaupt stemmen kann.

Laut der Kirchen-Internet-Seite www.voskresenie.de ruft man zu Spenden auf, um ein Bankdar­lehen erhalten zu können. Via 500 „Wandblöcke“ zu je 1800 Euro – auch bezahlbar mit monatlich 30 Euro Spenden über fünf Jahre – sollen zu diesem Zweck 900 000 Euro zusammenkommen.

Wissenswert zu dem nicht gerade unkomplizierten Komplex: Im Bebauungsplan aus dem Jahr 1966 ist die Art der Nutzung des Areals mit „Katholische Kirche“ festgesetzt. Eine solche hätte realisiert werden können, lediglich bei der Baumasse hätte die Stadt eingreifen können.

Die russisch-orthodoxe Kirche, die auf dem Areal an der Knappertsbuschstraße 26 direkt gegenüber der gleichnamigen Grundschule gebaut werden soll.     Visualisierung: Architekturbüro Bernd Fröhlich

Die russisch-orthodoxe Kirche, die auf dem Areal an der Knappertsbuschstraße 26 direkt gegenüber der gleichnamigen Grundschule gebaut werden soll. Visualisierung: Architekturbüro Bernd Fröhlich

Ob der Präzisierung „katholisch“ war vor vier Jahren Katja Strohhäker, Sprecherin des Planungsre­ferats, ein wenig verwundert:

„Im Prinzip bedeutet das religiöse Nutzung, eine russisch-orthodoxe Kirche entspricht also dieser Nutzung unter der Bedingung, dass eine Verträglichkeit zum angren­zenden Wohngebiet besteht. Eine russisch-orthodoxe Kirche ist daher grundsätzlich möglich“.

Dafür ist jedoch ein „Befreiungsbescheid“ notwendig.

In Folge wurde mit Bescheid vom 11. August 2014 dann laut Pressesprecher Thorsten Vogel die Baugenehmigung erteilt, die Freigabe für eines der umstrittensten Projekte im 13. Stadtbezirk in den vergangenen Jahrzehnten war fixiert. Und das gegen den Widerstand aller Mitglieder des Be­zirksausschusses. Die zunächst dargestellten 22 Parkplätze wurden auf 44 erhöht. Damit waren die Vorgaben aus einem Verkehrsgutachten erfüllt. Gleichwohl wurde auch letztere Zahl von den Lokalpolitikern als „völlig unzureichend“ moniert, die „opulente Optik“ kritisiert. Das Projekt wurde als „im Stil des vorigen Jahrhunderts im Ende der Sackgasse Knappertsbuschstraße“, als „Fremd­körper in der Umgebung mit Wohnbauten“, als „monumental“ bezeichnet.

Die Kuppel des mittigen Turms der geplanten russisch-orthodoxen Kirche mit Gemeindezentrum und Kindertagesstätte an der Knappertsbuschstraße ist in etwa so hoch wie die angrenzenden Hochhäuser.    Visualisierung: Architekturbüro Bernd Fröhlich

Die Kuppel des mittigen Turms der geplanten russisch-orthodoxen Kirche mit Gemeindezentrum und Kindertagesstätte an der Knappertsbuschstraße ist in etwa so hoch wie die angrenzenden Hochhäuser. Visualisierung: Architekturbüro Bernd Fröhlich

Der überarbeitete zweite Entwurf des Zentrums sieht vor: Der Komplex ist nunmehr um 6,5 Meter auf Geländeniveau abgesenkt, am Oberteil des Gebäudes befinden sich vier kleinere Kuppeln, in der Mitte ragt eine große Kuppel gen Himmel. Laut Vogel „beträgt die Höhe – ohne Kreuz – 28,93 Meter.“ Das entspricht in etwa der Höhe der neungeschossigen Wohntürme in der Nachbarschaft.

Der Knackpunkt des Ganzen aus heutiger Sicht: Ein Ansatz für die Stadt zu Grundstücksverhand­lungen besteht wohl. Die Frage ist, ob es dazu kommt.

Alexander MihatschRussisch-orthodoxe Kirche: Kein Geld?