Angela Merkel: „Schaut nach Bayern!“

29. Mai 2017

„Mei, ist die klein“, entfuhr es einer Dame im Dirndl nur zwei, drei Schritte von Angela Merkel entfernt. Offensichtlich erschrocken über ihre Worte und ein wenig peinlich berührt, legte die junge Frau eine Hand über die Lippen. Gleichwohl – neben Horst Seehofer, Gardemaß 193, wirkte die Bundeskanzlerin mit ihren 165 fast wie die kleine Schwester des bayeri­schen Ministerpräsidenten. Gehört hatte Merkel die Aussage mit Sicherheit nicht, zu dicht war das Gedränge um sie herum, zu viele Ahs und Ohs gab’s, als sie der schwarzen Dienstlimousine made in Ingolstadt entstiegen war und die ersten Meter Richtung Truderinger Festzelt zurückgelegt hatte.

Apropos Sicherheit: Der erste gemeinsame Wahlkampfauftritt der CDU-Chefin und ihres CSU-Pen­dants – wegen des Terroranschlags in Manchester aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehö­rigen auf Sonntag verschoben – fand vor diesem Hintergrund in einem zum Hochsicherheitstrakt umfunktionierten Bierzelt an der Wasserburger Landstraße statt. Polizisten entlang der Hauptstraße und den Einfahrtswegen, Security an den unterteilten Zugängen, Beamte vom Bundes­kriminalamt (BKA) sowie vom Sondereinsatzkommando (SEK) und natürlich Personenschützer, in drei „Ringen“ um die Politiker gestaffelt.

Pressevertreter aller Medien aus aller Welt waren beim ersten  gemeinsamen Wahlkampfauftritt des Duos Merkel/Sehofer vertreten.    Foto: hgb

Pressevertreter aller Medien aus aller Welt waren beim ersten gemeinsamen Wahlkampfauftritt des Duos Merkel/Sehofer vertreten. Foto: hgb

Die mehr als 2500 Besucher, viele standen vor dem Zelt an den hochgezogenen Kunststoffplanen, mussten sich Leibesvisitation unterziehen, wobei selbst dicke Kugelschreiber begutachtet wurden. Nach Einsicht wurden Damentaschen zwecks erfolgter Kontrolle mit einem pinkfarbenen Band versehen, Fotografen mussten ihre Teleobjektive, ob nun fünf oder 50 Zentimeter lang, vom Gehäuse abschrauben, Kamerastative wurden auf die Einzelteile geprüft.

Und wer etwas zum Essen bestellt hatte, der bekam als letztes von der Kellnerin einen Bestecksatz gereicht – kein einziger Krug wie ansonsten üblich mit Messer, Gabel und Servietten auf den Tischen.

Nervosität bei den Gästen? Aus Bogenhauser Reihen, angeführt von Robert Brannekäm­per, stellvertretender Vorsitzender des Bezirksausschusses und Landtagsabgeordneter, war davon nichts zu spüren. Aber Anspannung, über Manchester wurde hier und dort schon gesprochen. Gespannt wartete man auf das Kommende.

„Wenn’s nachher ordentlich scheppert, keine Angst, es ist alles in Ordnung, die Böllerschützen begrüßen die Kanzlerin“, verkündete CSU-Vize-Generalsekretär Markus Blume vom Podium, und machte klar: „Der Weg nach Berlin führt über Trudering.“ Nachdem Gastgeber Wolfgang Stefinger, seines Zeichens Bundestagsabgeordneter, örtliche und bayerische Polit-Prominenz sowie weit mehr als 100 Presseleute aus aller Welt willkommen geheißen hatten, war’s endlich soweit: Merkel kommt.

In Begleitung von Seehofer schüttelte sie – hellbeige Hose, hellgrauer Blazer – schon vor dem Zelt links und rechts Hände, lächelte, ja strahlte übers ganze Gesicht, nahm sich Zeit für erbetene Selfies mit ihr, schaute auf Zuruf hin, ließ sich die beste Stimmung von einigen Demonstranten, die „Hau ab“ brüllten, nicht vermiesen. Unter Standing Ovations bahnten dem Duo Dutzende verzweifelt, ja gestresst wirkende Sicherheitsleute einen schmalen Weg durchs Zelt, in dem das Thermometer inzwischen gen 35 Grad tendierte. Entsprechend der Temperatur „kochte“ der Saal – die Stimmung musste fürwahr niemand mehr anheizen.

Hallo Frau Merkel – Ach, Sie sind auch da: Kanzlerin Merkel mit dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Stefinger und CSU-Vize-Generalsekretär Markus Blume.     Foto: ikb

Hallo Frau Merkel: Kanzlerin Merkel mit dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Stefinger und CSU-Vize-Generalsekretär Markus Blume. Foto: ikb

„Deutschland ist eine Insel der Stabilität. Nach zwölf Jahren Merkel an der Spitze geht es uns so gut wie nie zuvor. Wir haben Wort gehalten, und wer Wort gehalten hat, der hat Vertrauen verdient. Bei Gewalt und Terror gibt es in unserem Land null Toleranz.“

Seehofers Worte wirkten, tobender Beifall. Merkel nickte lächelnd ab. Klar, es galt doch dem heftigen Streit über die Flüchtlingspolitik und zwei missratenen Treffen wieder Geschlossenheit zu demonstrieren. Schließlich sind in vier Monaten, am 24. September, Bundestagswahlen.

Dann war „sie“ dran, endlich. Energiegeladen trotz aufreibender Termine auf Sizilien in den Tagen davor. Kämpferisch, klar, direkt, deutlich, bestimmt, mal mit einem Arm, mal mit beiden Armen Argumente unterstreichend, ab und zu auch mit geballter Faust, 36 Minuten stets mit fester Stimme frei redend zog Angela Merkel die Menschen in ihren Bann. Faszinierend. Den kräftigen Schluck Bier aus ihrem Maßkrug am Ende hatte sie sich wahrlich verdient. Unbeeindruckt war sie zuvor von zwei jungen Männern in Trachtenkleidung, die sich in der Reihe vor den Fernsehteams postiert  und rechte Parolen postuliert hatten. Nach ein paar Sekunden hatte die Security die Situation und die beiden Störer ihm Griff.

Bezüglich US-Regierung und dem bevorstehenden Brexit betonte Merkel, dass es natürlich bei der Freundschaft zu den USA und Großbritannien bleiben müsse. Aber: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen. Es lohnt sich, für Europa zu kämpfen. Deutschland wird es gut gehen, wenn es Europa gut geht!“ Ausdrücklich hob sie das gute Verhältnis zu Frank­reich und Präsident Macron hervor.

In Anspielung auf die USA, ohne den Namen Trump zu nennen: „Die Zeiten, in denen wir uns völlig auf andere verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt.“ Eine klare Botschaft der oft zurückhaltenden Kanzlerin. Die gleichzeitig zeigt: Die Außen- und die Europa-Politik werden Themen im Bundestagswahlkampf.

„Schaut nach Bayern!“ – diesen Rat gebe sie gern in anderen Bundesländern, wenn es Sicherheits­probleme gibt. In der Flüchtlingskrise waren es „die Bayern, die eine unglaubliche Hilfsbereitschaft“ gezeigt haben. Diesem Loblied folgte die Bayernhymne – Angela Merkel kennt den Text, singt inbrünstig mit.

– Titelbild: ikb –

Alexander MihatschAngela Merkel: „Schaut nach Bayern!“