Theo Waigel: „Theodor, tu’ das nicht …“

12. Juni 2017

„Europa in stürmischen Zeiten“. Ein Vortragsthema, das keinen – zumal bei bestem Biergarten­wetter – interessiert oder gar anlockt? Von wegen! Denn der Referent heißt Theodor „Theo“ Waigel, seines Zeichens von 1989 bis 1998 Finanzminister der Bundesrepublik, von 1988 bis 1999 Chef der CSU und inzwischen Ehrenvorsitzender der Partei, dessen Worte (immer noch) Gewicht haben und Wirkung entfalten. „Ein Mann, der mitgewirkt hat, wie Europa entstanden ist“, so eingangs Marian Offman, Stadtrat und Vorsitzender des Ortsverbands Bogenhausen-Ost.

Mit Sach- und Fachwissen, Erlebtem, Anekdoten und einer Enthüllung erzeugte Waigel, jetzt als Rechtsanwalt tätig, eineinhalb Stunden lang bei den mehr als 100 Besuchern – die große Mehrheit der Generation 60 plus angehörig – Spannung. Waigel ist eben ein Zeitzeuge. Impressionen von einem Treffen – organisiert von Brigitte Stengel, Georgine Resch und Venanz Schubert – mit Aussagen aus einem leidenschaftlichen Referat.

Theo Waigel • Die Zeichen der Zeit sind auch bei dem Rechtsanwalt – oft genannt „Mr. Euro“, eine Bezeichnung, zurückzuführen auf seinen Namensvorschlag im Europäischen Rat vom Dezember 1995 für die gemeinsame europäische Währung – nicht spurlos vorübergegangen. Der Mann, Jahrgang 1939, Sternzeichen Stier, ist nach wie vor schlank, drahtig, dynamisch, wirkt fit und durchtrainiert. Doch sein „Markenzeichen“, die buschigen schwarzen Augenbrauen, ist wie auch sein Haaransatz inzwischen leicht angegraut. Gleichwohl besticht er – elegant in grauem Anzug und goldfarbener Krawatte – mit dunkler Stimme in freier Rede, blickt nur ab und an auf einen Stichwortzettel. Er zappelt nicht hinterm Rednerpult hin und her, er gestikuliert nicht permanent wie viele andere Politiker(innen). Er unterstreicht wenige Aussagen prägnant mit einer kraftvollen Armbewegung. Das reicht. Alles sitzt und passt.

Angela Merkel • „Sie ist in Bayern beliebter als in jedem anderen Bundesland. Sie braucht sich nicht vor den großen Bundeskanzlern zu verstecken. Sie hat den Mut, den Mächtigen der Welt auch mal die Stirn zu zeigen. Unter 100 Briefen zum Pro-Merkel-Kurs an uns sind nur drei negative. Sie bleibt unsere Kanzlerin. Damit die Union bundesweit 40 Prozent erzielt, muss die CSU in Bayern 50 Prozent holen.“

Mehr als 100 Besucher verfolgten gebannt die Erzählungen und Erläuterungen von Ex-Finanz-minister Theo Waigel zum Thema „Europa in stürmischen Zeiten“.     Foto: hgb

Mehr als 100 Besucher verfolgten gebannt die Erzählungen und Erläuterungen von Ex-Finanz-minister Theo Waigel zum Thema „Europa in stürmischen Zeiten“. Foto: hgb

Wiedervereinigung • „Wir sind zum attraktivsten Land in Europa geworden. Wir haben in 25 Jahren für die Wiedervereinigung 2,2 Billionen Euro aufgebracht. Stellen Sie sich vor, das sind rund 4400 Milliarden Mark. Wiedervereinigung – das war nur mit Gorbatschow und seinem Außenminis­ter Schewardnadse möglich.

Und Jelzin hat sich danach an alle Vereinbarungen gehalten. Wir haben damals unheimliches Glück gehabt. Wir standen vor riesigen Herausforderungen, die wir gemeistert haben. Wir mussten zehntausende Privatisierungen durchführen, haben der Treuhand mehr als 300 Milliarden Euro zu Verfügung gestellt.“

Zinsen • „Ich beneide den gegenwärtigen Finanzminister Wolfgang Schäuble nicht um sein Amt. Aber er hat’s heute besser als ich. Ich musste bei der Wiedervereinigung achtdreiviertel Prozent Zinsen für Kredite bezahlen. Der Schäuble bekommt’s jetzt umsonst. Niedrigzinspolitik – Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, habe ich vor kurzem gesagt: >Draghi, Du musst rechtzeitig handeln!< Was „rechtzeitig“ ist, das verriet Waigel nicht.

Deutschland • „Unser Land hat heute eine Rolle inne wie nie zuvor in den vergangenen 150 Jahren. Andere erwarten von uns Verantwortungsbereitschaft, das erfordert Staatskunst. Gerade weil es an den Rändern Europas Spannungen gibt. Die Europäische Union ist eine Friedensunion. Deutschland hat dazu und zur Währungsstabilität viel beigetragen.“ Lobende Waigel-Worte in diesem Zusammenhang fielen nicht nur für Helmut Kohl, auch für die Kanzler Brandt, Schmidt und Schröder.

Währung • „Schon der Ochsensepp (Anm. d. Red.: Josef Müller, 1898 bis 1979, erster CSU-Vorsitzender, so genannt weil er einst als Fuhrknecht gearbeitet hatte) hat gesagt >Wir brauchen in Europa eine gemeinsame Währung, weil dann niemand mehr gegen den anderen Krieg führt, denn sonst vernichtet er sich selbst<. Später, in den sechziger Jahren, hat dann der gemeinsame Weg begonnen.“

Ex-Finanzminister Theo Waigel zusammen mit (v. li.) Wolfgang Stefinger, CSU-Bundestagsabge-ordneter für München-Ost, Robert Brannekämper, Landtagsabgeordneter und Kreisverband-Chef, und Stadtrat Marian Offman.   Foto: hgb

Ex-Finanzminister Theo Waigel zusammen mit (v. li.) Wolfgang Stefinger, CSU-Bundestagsabge-ordneter für München-Ost, Robert Brannekämper, Landtagsabgeordneter und Kreisverband-Chef, und Stadtrat Marian Offman. Foto: hgb

DM • „Bei wichtigen Vorgängen spreche ich oft mit mir selbst, rede mich stets mit Theodor an. So wie es Franz-Josef Strauss getan hat. Der Vorname Theodor kommt ja aus dem Griechischen, bedeutet >Geschenk Gottes<. Also, den Deutschen die D-Mark nehmen? Theodor, tu’ das nicht! Aber 30 verschiedene Währungen in Europa – damals hat der Dollar die Welt unumschränkt regiert – unter einen Hut, auf einen Weg zu bringen? Unmöglich!

Aber die Welt hat sich verändert. Der Euro hat dann dazu geführt, dass wir uns entwickeln konnten und heute so gut dastehen. Um das zu erhalten – Waigel blickte dabei den Bundestagsabgeordneten für den Münchner Osten, Wolfgang Stefinger, streng an – brauchen wir mehr Investitionen.“

Frankreich • „Macron muss natürlich Reformen durchführen. Da steht wahnsinnig viel auf dem Spiel. Wo wir helfen können, müssen wir helfen, und auch andere schwächere Länder wie Italien mitziehen. Denn wir haben heute einen relativ stabilen Euro.“

Franc • Als es 1992 in Europa zu heftigen Währungsturbulenzen gekommen war, nahm die Bundesregierung den Franc aus der Schusslinie. Zwar dementierte seinerzeit Kohl ein Abkommen mit Mitterrand. Nun bekannte Waigel: „Wir haben den Franc über Wochen mit 90 Milliarden gestützt, an einem einzigen Tag waren es 47 Milliarden! Wenn ich das damals öffentlich gesagt hätte, …“

Großbritannien • „Das ist schon ein eigenartiges Gegeneinander dort was Europa anbelangt. Der Austritt aus dem EWS, dem Europäischen Währungssystem, am 16. September 1992, ist ein Trauma, das das Land noch heute belastet. Und was David Cameron mit dem Referendum im Juni 2016, mit dem Austritt aus der Union, angerichtet hat, das ist ein sehr hohes Risiko.“

Griechenland • „Europa hat in den letzten Jahren, Beispiel Irland, Fortschritt gemacht. Griechen­land ist eine Ausnahme. Das war aber nicht in meiner Zeit als Finanzminister. Wir haben uns da einen Krisenherd eingebrockt. Griechenland rauszuschmeißen wäre ein Riesenfehler. Die Politik muss sein: Hilfe gegen Bedingungen. Angesichts der Milliarden-Unterstützungen kann niemand sagen, dass wir nicht solidarisch waren. Jetzt sind die Griechen auf einem guten Weg, profitieren momentan vom boomenden Tourismus.“

Polen/Ungarn • „Die beiden Länder bekommen jährlich 11,5 und fünf Milliarden aus dem Euro EU-Topf, wollen dafür aber keine Leistung erbringen, keine Flüchtlinge aufnehmen. Also muss man sie finanziell beschneiden, muss man das bei den künftigen Planungen berücksichtigen. Auch weil die Mittel aus Großbritannien künftig fehlen. Man muss aber mir den Regierungen weiter reden, auch mit Putin.“

Alexander MihatschTheo Waigel: „Theodor, tu’ das nicht …“