Kirchenprojekt: Viel Moos, wenig Geld

13. November 2017

Im August 2010 präsentierte die russisch-orthodoxe Kirchengemeinde im Bezirksausschuss ihren Plan, in Englschalking auf dem Grundstück Knappertsbuschstraße 26/Ecke Bruno-Walter-Ring, direkt gegenüber der Knappertsbusch-Grund- und Mittelschule, auf knapp 7000 Quadratmeter Grund ein Gemeindezentrum mit Gotteshaus, einem Saal für 300 Personen und eine Kindertages­stätte für 36 Mädchen und Buben zu bauen. Im August 2014 erteilte die Stadt die Baugenehmigung. Und der Stand heute: Stillstand.

Das eingezäunte, an den Rändern dicht von Büschen gesäumte Areal, auf dem sich vormals zwei Tennisfelder befanden, liegt brach, dient derzeit als eine Art Baumschule, verwildert, ist vermoost. Moos ist denn auch, im übertragenen Sinn, allem Anschein nach der Hauptgrund für den derzeit­igen Zustand.

Die Dimensionen des Kirchenprojekts der „Christi-Auferstehungsgemeinde“: Der Entwurf sieht an den Ecken vier „kleinere“ Kuppeln, in der Mitte eine Kuppel mit 29 Metern Höhe – ohne Kreuz – vor. Also in etwa so hoch wie die benachbarten neungeschossigen Wohntürme.

Kurzer Rückblick: Das Gelände, im Bebauungsplan aus dem Jahr 1966 für kirchliche Zwecke reser­viert, wurde von der katholischen Kirche der russisch-orthodoxen Kirchengemeinde verkauft – der Kaufpreis wird geheim gehalten. Auf deren Internetseite ist zu lesen: „Das Grundstück ist Eigentum der für die Realisierung gegründeten Tihon-Stiftung. Die endgültige Kaufpreisrate wurde 2010 geleistet.“ Im Januar 2011 hatte Erzpriester Nikolai Zabelitch die Kosten des Zentrumbaus auf „etwa zehn Millionen Euro“ geschätzt. Mittlerweile dürften die Aufwendungen, so kalkulieren Fachleute, bei weit mehr als 15 Millionen Euro liegen.

Visualisierung der russisch-orthodoxe Kirche, die auf dem Areal  gegenüber der Knappertsbusch- Grund- und Mittelschule gebaut werden soll.     Plan: Architekturbüro Bernd Fröhlich

Visualisierung der russisch-orthodoxe Kirche, die auf dem Areal gegenüber der Knappertsbusch- Grund- und Mittelschule gebaut werden soll. Plan: Architekturbüro Bernd Fröhlich

„Um mit dem Bau beginnen zu können, wird die Aufnahme eines Bankdarlehens geprüft. Dazu wird Eigenkapital benötigt, das durch Spenden zustande kommen soll: 500 Wandblöcke zu 1800 Euro – 900 000 Euro. Diese Spende kann in einer Summe oder in Teilbeträgen erbracht werden. Zu diesem Zweck wird ein Wandblock in 60 Einheiten zu 30 Euro unterteilt, die monatlich überwiesen werden können. Nach fünf Jahren ist die Spende für einen Wandblock geleistet“, erläutern die Ver­antwortlichen. Und: „Der Baubeginn hängt in hohem Maße von den gutwilligen Spendern unserer Gemeinde ab.“

Also 900 000 Euro Eigenkapital für ein Vorhaben mit einem Volumen von erwartet 15 Millionen Euro!? Nun denn. Unter „Aktueller Spendenstand“ heißt es auf der Netz-Seite der Kirche: „Zum 31.12.2016 konnte die Tihon-Stiftung in den letzten zwei Jahren Spender für 130 Wandblöcke (zu je 1800 Euro) gewinnen. Unter Berücksichtigung der restlichen Zuwendungen beträgt der Anteil des für den Baubeginn notwendigen Eigenkapitals etwa 39 Prozent. Die Hälfte dieser Summe wird jedoch noch innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre von allen, die ein Spendenversprechen … abgegeben haben, eingebracht.“

Im Klartext: 130 Blöcke mal 1800 Euro ergibt 234 000 Euro. Etwa die Hälfte davon, also rund 117000 Euro, ist vorhanden; die zweite Hälfte wird unter „Zugesichert“ registriert. Läuft der Mittelfluss weiterhin so (zäh), hat die Kirche in etwa acht Jahren, also wahrscheinlich im Jahr 2025, den notwendigen Grundstock für besagtes Darlehen. Über die Finanzierung der ausstehenden Millionen Euro gibt es keine Aussage.

Auf diesem Grundstück an der Ecke Bruno-Walter-Ring/Sackgasse Knappertsbuschstraße plant die russisch-orthodoxen Kirche ein Zentrum.   Foto: hgb

Auf diesem Grundstück an der Ecke Bruno-Walter-Ring/Sackgasse Knappertsbuschstraße plant die russisch-orthodoxen Kirche ein Zentrum. Foto: hgb

„Wozu eigentlich ein Kirchenbau?“ Diese Frage stellt die Kirche im Internet selbst, gibt auch die Antwort: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind in der Gemeinde bis zu 700 Gläubige. Sie wächst aufgrund der Zuwanderer aus Russland und anderen Staaten der ehemaligen UdSSR, sowie dem Zulauf deutschsprachiger Bewohner, die zum orthodoxen Glauben übergetreten sind.

Für die Durchführung der Gottesdienste muss die Christi-Auferstehungsgemeinde mit einer als Kirche eingerichteten Garage auskommen, die nur 20 bis 30 Personen Platz bietet.

An Sonn- und Feiertagen finden die Gottesdienste in einer angemieteten katholischen Kapelle statt, da die Zahl der Gläubigen an diesen Tagen die Kapazität der zu einer umgebauten „Garagenkirche“ um ein Vielfaches übertrifft.“

Wie geht’s nun weiter? Auf unsere Mail-Nachfrage an Kirchenpressesprecher Matthias Kobro erhielten wir keine Antwort.

Zur weiteren Fortgang erklärte Planungsreferat-Pressesprecher Thorsen Vogel: „Die am 11. August 2014 erteilte Baugenehmigung zum Neubau gilt vier Jahre; sie läuft somit am 11. August 2018 ab, wenn bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit der Ausführung des Bauvorhabens begonnen wird. Ein Baubeginn wurde bislang nicht angezeigt. Auf schriftlichen Antrag des Bauherrn kann eine Bauge­nehmigung jeweils um weitere zwei Jahre verlängert werden.“

Alexander MihatschKirchenprojekt: Viel Moos, wenig Geld