WHG-Verkehrsgutachten: „Ein Märchenbuch“

7. August 2018

„Ein planerischer Supergau zeichnet sich ab, das ist ein Märchenbuch“ (Robert Brannekämper, Vize-Vorsitzender des Bezirksausschusses und CSU-Landtagsabgeordneter), „ein Ansatz, aber ein naiver Ansatz“ (Wolfgang Helbig, SPD) und „eine Frechheit, reine Geldverschwendung, ein reines Gefälligkeitsgutachten“ (Berndt M. Hirsch, FDP). Die Urteile der Lokalpolitiker zum Verkehrsgutach­ten für den Neubau des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums (WHG) am Salzsenderweg – vorgestellt von Vertretern des Baureferats und von August Janello (Vössing Ingenieurgesellschaft) – hätten nicht schärfer, nicht vernichtender sein können.

Das Kommunalparlament nahm das Konzept in einem einstimmig verabschiedeten Beschluss „zur Kenntnis, erachtet die verkehrliche Situation in der Untersuchung als nicht vollständig abgebildet, weil auch die Grundschule an der Knappertsbuschstraße >nicht in Betrieb ist< und somit keine ver­kehrliche Auswirkung hat. Die Ausstattung mit 543 Fahrradstellplätzen erscheint deutlich zu gering, da das Gymnasium sehr schlecht an den ÖPNV angebunden ist.“

Ein Votum, das fast harmlos klingt, nicht aber die allseits geäußerte, massive Kritik widerspiegelt. „Die Zahlen vom WHG alt sind doch nicht umsetzbar auf das WHG neu. Es werden viel mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen und abholen. Und diese Eltern fahren doch nicht durch die stark frequentierte Freischützstraße, wo sie drei Ampeln passieren müssen. Sie fahren durch die Knap­pertsbuschstraße, wo sich ja die Grundschule befindet. Das ist in dem Gutachten alles nicht einbe­zogen. Die Bewertung geht von falschen Ansatzpunkten aus. Ich befürchte das blanke Chaos, so wie es sich jeden Morgen in der Hugo-von-Hofmannsthal-Straße (Anm. d. Red.: Sackgasse von der Vollmannstraße zum WHG im Arabellapark) abspielt“, wetterte Helbig. Denn auch die Auswirkun­gen der geplanten russisch-orthdoxen Kirche mit Kindertagesstätte seien ebenso nicht berücksich­tigt wie der zunehmende Fahrradverkehr in der Knappertsbuschstraße.

Ein- und Ausstiegszone fürs neue Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium mit Wendehammer (gelber Punkt) in der Fideliostraße: Montag bis Freitag ergeben sich, Basis 24 Stunden, laut Verkehrsgutachten 890 Fahrten. Karte: Vössing Ingenieure, Baureferat / Foto: hgb

Brannekämper kommentierte: „Das Gymnasium ist eigentlich nicht erschlossen. Das würde dann so werden wie bei der Phorms-Schule am Bogenhauser Kirchplatz – tägliches Hickhack, kommt einer rein, kommt keiner mehr raus.“

Laut Brannekämper hat ein Lehrer ihm gegenüber „die Zahlen fürs WHG neu angezweifelt“, die seien nicht an der Realität angelehnt.“ Und: „Zum Salzsenderweg fahren ja nur zwei Buslinien, keine U-Bahn.“

Nicola Holtmann (ÖDP) erklärte: „Acht Minuten Fußweg von der Bushaltestelle an der Freischütz­straße, zwölf Minuten vom Tramstopp – die Kinder stellen dort ihre Räder hin und fahren dann zum Gymnasium. So wie die Gutachter sich dass vorgestellt haben, wird es nicht klappen.

Was beinhaltet nun die „Verkehrliche Untersuchung“, die unser-bogenhausen.de in Originalfassung vorliegt und zusammenfassend darstellt?

Grundlagen • Die Verkehrszahlen an der Fidelio- / Freischützstraße wurde drei Mal ermittelt: Im Juni 2013 (Wochentag), im November 2016 (Samstag) und im April 2018 (Wochentag).

Zahlen Planfall Szenario 1 • Montag bis Freitag, 7 bis 17.30 Uhr, sind 1530 Schüler, 128 Vollzeit- und 81 Teilzeitbeschäftigte erfasst. Dazu kommen zwischen 18 und 20 wie auch zwischen 20 und 23 Uhr jeweils 25 Personen, die sich sportlich in der Dreifachturnhalle betätigen.

Zahlen Planfall Szenario 2 • Wochenende (Regelfall): Zwischen 10 und 14, 14 und 18 sowie 18 und 23 Uhr geht die Untersuchung von jeweils 25 Sportlern und jeweils 20 Besuchern aus.

Zahlen Planfall Szenario 3 • Wochenende (Ausnahmefall Turniere, etwa fünf bis sechs Mal im Jahr): Zwischen 10 und 23 Uhr 340 Sportler und 199 Besucher. Wie letztere Zahl zustande kommt, erläuterte Janello nicht.

Verkehrsmittelwahl Schüler • Laut Einschätzung kommen 50 Prozent, also mindestens 750 Schü­ler, mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zum WHG. 30 Prozent (mehr als 500 Schüler) nutzen das Fahrrad jeweils zehn Prozent werden gebracht und kommen zu Fuß.

Verkehrsverteilung Schüler • Aus nördlicher Richtung werden auf der Freischützstraße 40 Pro­zent der Schüler erwartet, aus südlicher Richtung sind’s 45 Prozent und von der Stegmühlstraße her 15 Prozent.

Ein- und Ausstiegszonen fürs neue Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium an der Freischützstraße: Wegen der beiden Haltebereiche (gelbe Striche) würden etwa elf Parkplätze entfallen, es gebe keinen zusätzlichen Verkehr in der Fideliostraße. Karte: Vössing Ingenieure, Baureferat / Foto: hgb

Ein- und Ausstiegszone, Variante Wendehammer in der Fideliostraße • Unter „Vorteile“ ist angeführt: eine wesentliche Gehzeit für die Schüler.

Die Nachteile: längere Bring- bzw. Holfahrzeit, mehr Verkehr in der WHG-Zufahrt, Konflikte vor allem mit Fußgängern und Radfahrern an der Ein- und Ausfahrt der Tiefgarage, die übrigens über 130 Stellplätze verfügen soll. „Diese Variante ist nicht besonders zu empfehlen“, kommentierte Janello.

Zahlen zu Ein- und Ausstiegszone, Variante Wendehammer in der Fideliostraße • Montag bis Freitag 890 Fahrten berechnet auf 24 Stunden, am Wochenende 172 Fahrten und an besagten fünf bis sechs Wochenenden mit Turnieren 278 Fahrten.

Ein- und Ausstiegszone, Variante an der Freischützstraße • Die Vorteile von beidseitigen Park­zonen: kurze Bring- bzw. Holfahrzeit, kein zusätzlicher Verkehr – „auch ein Plus für Eltern“ – in der Fideliostraße. Die Nachteile: „Es entfallen zumindest circa elf Stellplätze in der Freischützstraße im Bereich des Parks“ und „eine etwas längere Gehzeit für Schüler – das wird aber wohl nicht schaden“, so der Gutachter.

Zahlen zu Ein- und Ausstiegszone, Variante an der Freischützstraße • Montag bis Freitag 248 Fahrten berechnet auf 24 Stunden, am Wochenende 64 Fahrten und an besagten fünf bis sechs Wochenenden mit Turnieren 96 Fahrten.

Planung der russisch-orthodoxen Kirche an der Knappertbuschstraße •  Zum besseren Ver­ständnis: Dabei handelt es sich um das Areal der beiden verwilderten Tennisplätze. Zu berücksich­tigen sind im „Prognosenullfall“ die Bring- und Holverkehre aus der Kita-Nutzung und die Besucher­verkehre vor und nach den Gottesdiensten. Mit anderen Worten: Ein „Prognosenullfall“ erfasst rein gar nichts!

Knotenpunkt Fidelio- / Freischütz- / Stegmühlstraße nach dem Gymnasiumsneubau •  „Hier besteht eine gute Verkehrsqualität, alles ist relativ unauffällig“, so dasJanello-Urteil.

Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) / Radverkehr• „Das geplante Gymnasium ist wirklich gut erschlossen. Die Buslinien werden verstärkt. Bei Bedarf sind zusätzliche Haltestellen in der Johanneskirchner Straße notwendig“, so das Urteil. Entsprechend der Fahrradabstellungsatzung der Stadt sind 543 Stellplätze geplant.

 

Alexander MihatschWHG-Verkehrsgutachten: „Ein Märchenbuch“