Arabella-Hochhaus: Ein Wahrzeichen mit Patina

11. Dezember 2018

11. Dezember 1968 – dieses Datum markiert einen städtebaulichen Meilenstein in München. Es ist der Tag des Richtfests vor 50 Jahren am Arabella-Hochhaus – ein einmaliges Boardinghouse, eine Kombination aus Hotel, Wohnungen, Praxen, Büros, Restaurants und Geschäften samt Schwimm­bad hoch über Bogenhausen. Kurzum: alles unter einem Dach, ein (Service-)Paradies.

Die „Scheibe“ hat 23 Stockwerke, ist 75 Meter hoch, 153 Meter lang und 19 Meter breit. Die Tage, besser die Jahre, des unverwechselbaren Riegels sind gezählt. Anfang Mai hatte die Eigentümerin, die Bayerische Hausbau, beschlossen, das Gebäude ab 2026 abzureißen, da eine Sanierung wegen der maroden Bausubstanz nicht wirtschaftlich ist, und es neu zu bauen. Ein Vorhaben, das fünf bis sechs Jahre dauern dürfte und wohl mehr als eine Milliarde Gesamtkosten verschlingt.

Die (bisher) fünf Jahrzehnte Geschichte des oft als Betonklotz bezeichneten, dominanten  Komple­xes, der „Stadt in der Stadt“ – mit dem Gebäude des Bayerischen Umwelt- und Verbraucherminis­teriums am Rosenkavalierplatz und einem Trakt an der Denninger Straße das nächste auf den einstigen, weiten Schafswiesen errichtete Gebäude des heutigen Arabellaparks – haben es in sich.

Visionen, Träume, Ideen, Gestaltungen, Umplanungen, Baustopps und anderes mehr gab es in den Vorbereitungszeiten, ehe der „Kasten“ – Architekt war Toby Schmidbauer, der sich an amerikani­schen Vorbildern orientiert hatte und später selbst Bewohner war – 1969 eröffnet wurde: Ein Teil Hotel und vom „Rest“ zwei Drittel Gewerbe und ein Drittel 850 (unterschiedlichste Luxus-) Wohnun­gen und Appartements. Das alles hinter einer aus mehr als 600 gleich geformten Elementen geprägten Fassade, einer Wabe gleichend. Der Mietpreis pro Quadratmeter: 6,50 Mark!

Das Arabella-Hochhaus: Vor 50 Jahren, am 11. Dezember 1968, wurde das Richtfest des Scheibenbaus gefeiert, ab 2026 wird es abgerissen und neu gebaut. Foto: hgb

Das Richtfest war einzigartig: Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel landete damals per Hub­schrauber auf einer Plattform im 23. Stockwerk und witzelte, ein inzwischen geflügelter Spruch: „Kommt ein Vogel geflogen …“

Den Landeplatz gibt es heute ebenso nicht mehr wie die einstige Sonnenterrasse unter den Wolken. Denn immer mal wieder hatten sich Besucher in die Tiefe gestürzt.

In der Boulevardpresse wurde der Riegel sodann als Selbstmörderhaus bezeichnet.

Vorbei sind auch die Zeiten, als sich weltberühmte Musiker – von den Rolling Stones, Led Zeppelin, Queen, Freddie Mercury bis zu Deep Purple – in Giorgio Moroders legendären „Musicland Studios“ im Untergeschoss zu Plattenaufnahmen getroffen haben. Zu Ende ging’s mit dem Bau der im Okto­ber 1988 eröffneten U-Bahn (U4) – die Erschütterung der Züge störten massiv die Aufnahmen.

Vergangenheit sind auch die schillernden Zeiten des „Wabenhauses“. Damen des leichten Gewer­bes hatten die Anonymität des Serviceparadieses für ihre Angebote genutzt. Josef Schörghubers Sohn Stefan (t 2008) hatte dem Treiben ein Ende gemacht. Vorbei auch die (inzwischen verlager­ten) Zweckentfremdungen von Wohnungen durch arabische Medizintouristen. Gleichwohl – dem nagenden Zahn der Zeit mit bröckelnden Balkonbrüstungen und mit undichtem Dach – den interna­tionalen Flair mit „Promis“ aus Film, Kultur und Sport hat sich das Wundehaus bis heute bewahrt.

Alexander MihatschArabella-Hochhaus: Ein Wahrzeichen mit Patina