Kurzak-Gutachten: „Spielt keine Rolle mehr“

21. Juni 2019

Im Münchner Osten droht der totale Verkehrskollaps. Vor diesem Hintergrund haben die Bezirks­ausschüsse Bogenhausen, Berg am Laim und Trudering-Riem einen gemeinsamen Antrag verab­schiedet: Die Lokalpolitiker wollen von der Stadt Aufklärung, sie wollen Zahlen. In der Initiative heißt es: „Das Planungsreferat wird aufgefordert, Auskunft zu geben: Inwieweit stimmen die Prognose­zahlen des „Kurzak-Gutachtens“ (siehe untenstehende Erläuterung) mit dem Ist-Zustand 2018 überein? Inwieweit werden die Zahlen der Studie den Gutachten für aktuelle Bauleitplanungen zu Grunde gelegt? Inwieweit fließen die Daten der Navigationssysteme in die Gutachten mit ein?“

Jetzt liegt die Antwort der Behörde vor. Dabei wird klar: Das Referat legt im übertragenen Sinn  Pflaster auf die einzelnen Wunden, checkt also lediglich einzelne, bauliche Schwerpunkte, statt die Wunden fachlich zu behandeln, lies ein aktuelles Gesamtkonzept Verkehr zu erstellen.

In dem im typischen Behördendeutsch abgefassten Schreiben heißt es: „Das Kurzak-Gutachten zum Osten aus dem Jahr 2002 bezieht sich auf den Prognosehorizont 2015. Prognosen basieren grundsätzlich auf Vorgaben, die zum Zeitpunkt der Erstellung die gültigen Annahmen zur Bevölke­rungsentwicklung zu Grunde legen. Verschiedene Maßnahmen werden in Planfällen vergleichend gegenübergestellt. Die Bevölkerungs- und Erwerbstätigenzahlen liegen gegenüber den heutigen Zahlen deutlich niedriger. Ebenso wurde eine Vielzahl von Ausbaumaßnahmen des Verkehrsnetzes, die 2002 erörtert wurden, nicht bzw. nur in Teilen umgesetzt.“

Effnerstraße stadteinwärts nachmittags: Täglich kommt es zu kilometerlangen Rückstaus, rund um den Effnerplatz und die Mae West fahren die Autos im Schritttempo. Foto: hgb

Und weiter: „Auf Grund dessen ist eine direkte Vergleichbarkeiten des Kurzak-Gutachtens mit der heute vorzufindenden Verkehrsituation nicht bzw. nur sehr eingeschränkt gegeben. In der Beur­teilung des heutigen Verkehrsgeschehens spielt das Gutachten für das Planungsreferat keine Rolle mehr.

Vielmehr werden Projekt bezogene Verkehrsgutachten der Struktur- und Bauleitplanungen erstellt, in denen aufbauend auf den Analysezahlen 2015 / 2018 die gegenwärtig bekannten Ent­wicklungen für dass Prognosejahr 2030 unterstellt sind. Daraus werden gegebenenfalls Maßnah­men für die Einzelbetrachtung abgeleitet.“

Schließendlich: „Daten aus Navigationssystem werden bei der Erstellung von Gutachten nicht betrachtet. Derzeit wird die Verkehrssituation nach wie vor mit manuellen Verkehrserhebungen ermittelt.“

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Erläuterung „Kurzak-Gutachten“: So benannt nach Verkehrsplaner Professor Harald Kurzak (78), der im Auftrag des Planungsreferats nach Beschluss des Stadtrats vom Juli 2002 auf Basis von städtischen Strukturdaten aus dem Jahr 2001 eine Prognose für das Jahr 2015 erstellt hat.

Das Untersuchungsgebiet umfasste Bogenhausen, Berg am Laim, Trudering-Riem und Ramersdorf-Perlach sowie die an diese Stadtbezirke angrenzenden Gemeinden Unterföhring, Aschheim, Feldkirchen, Haar, Putzbrunn, Ottobrunn, Neubiberg und Unterhaching.

Das Kurzak-Fazit: „Auf den Radialstraßen treten Überlastungen im morgendlichen Verkehr stadteinwärts auf. In der abendlichen Hauptverkehrszeit beschränkt die Kapazität der Isar-Brücken und der Kreuzungen mit dem Mittleren Ring den Verkehrsstrom stadtauswärts. Auf den Tangentialstraßen treten auch tagsüber bereits Überlastungen an maßge­benden Knotenpunkten auf. Das Netz der Haupterschließungsstraßen ist nicht entsprechend der allgemeinen Bebau­ung erweitert worden, so dass die früher einmal vorhandenen Kapazitätsreserven aufgebraucht sind und es immer häufiger zu Engpässen und Staus auch außerhalb der Berufsverkehrszeiten kommt. Überlastungen im morgendlichen Berufsverkehr haben erheblichen Schleichverkehr durch Wohngebiete zur Folge.

Alexander MihatschKurzak-Gutachten: „Spielt keine Rolle mehr“