Nordosten: U-Bahn + Badesee + Friedhof

4. Februar 2020

Der Architekten-Ideenwettbewerb für die (geplante, vom Stadtrat noch nicht beschlossene) Städte­bauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) im Nordosten, wo auf einem mehr als 600 Hektar großen Areal entlang der S-Bahnlinie von und zum Flughafen, entlang von Daglfing, Englschalking und Jo­hanneskirchen, auf der grünen Wiese Wohn- und Gewerberaum entstehen soll, ist entschieden. 45 Preisrichter haben den Entwurf mit den drei geforderten Varianten von Rheinflügel Severin (Düssel­dorf) mit BBZ Landschaftsarchitekten (Berlin) zum Sieger gekürt.

Gleichwohl wird das Großvorhaben nach wie vor von vielen Bürgern skeptisch beurteilt. Nicht zu­letzt schrecken einige Zahlen auf. So gehen die einzelnen Varianten von 10 000 Bewohnern (ent­sprechend etwa 3600 Wohnungen; zum besseren Vergleich: im Prinz-Eugen-Park entstehen 1800 Wohneinheiten), 20 000 Bewohnern (entsprechend etwa 7100 Wohnungen) und 30 000 Bewohnern (entsprechend rund 10 600 Wohnungen) aus.

Spaziergang in Englschalking beim S-Bahnhof. Ein Anwohner hält die Hand vor die Stirn, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, schaut in die Ferne. Angesprochen mit dem Stichwort SEM und den neuen Plänen verfinstert sich seine Miene. „Was soll denn das? So geht’s doch nicht. Es wäre doch sinnlos, würde ich einen Architekten beauftragen, auf dem Grundstück meines Nachbarn ein Haus zu planen. Zuerst muss ich doch die Fläche erst besitzen, dann kann’s weiter gehen.“

Der Siegerentwurf für die SEM Nordost des Büros Rheinflügel Severin für die Variante mit 20 000 Bewohnern (entsprechend etwa 7100 Wohnungen). Plan: Rheinflügel Severin

In der Tat: Die Auffassung ist nicht so einfach mal vom Tisch zu wischen. Schließlich besitzt die Stadt gerade einmal ein Viertel, 150 von den erwähnten mehr als 600 Hektar, des Geländes. Drei Viertel befinden sich im Besitz von etwa 400 Personen. „Über deren Grund wird einfach so verfügt“, ärgert sich der Senior.

Dass eine SEM auch anders laufen kann, hat Freiburg bewiesen. Ein örtliches Geldinstitut hatte im Auftrag der Stadt eine Gesellschaft gegründet und mit jedem einzelnen Grundstücksbesitzer ge­sprochen und verhandelt. Letztendlich wurde Einigkeit erzielt. Kurzum: eine runde Sache.

Einmal mehr hat München, genauer das Planungsreferat, belegt, dass man ein Pferd auch von hinten aufzäumen kann, man ein Vorhaben falsch anpacken kann. 400 Besitzer zu interviewen, fragen, ob sie verkaufen würden, zu welchem Quadratmeterpreis, ob sie Areal tauschen würden oder alles ablehnen – eine in Wochen zu erledigende Fleißarbeit per Excel-Liste, wenn auch eine sehr lange, und schon hätte die Behörde eine Grundlage, wie alles mit ihren eigenen Grundstücken zusammenpassen könnte. So halten denn die seit zwölf Jahren laufenden Diskussionen an, gehen in nächste Runde.

Diese Beratung findet erst nach den Kommunalwahlen Mitte März – wann danach auch immer – im Stadtrat statt. Das Ergebnis des Wettbewerbs soll den Vertretern im Rathaus als Entscheidungshilfe für die künftig geplante Entwicklung dienen. Im Herbst ist dann ein „offener Dialog mit Bürgern und Vertretern aus der Politik“ geplant.

Alle Arbeiten des Wettbewerbs – eine Vorgabe für alle Architekten war ein zehn Hektar großer Ba­desee, gemäß einer anderen sind auf mindestens der Hälfte der Flächen dauerhaft Raum für be­stehende Nutzungen, wie Landwirtschaft und Pferdesport sowie für den Erhalt der wertvollen Land­schaftselemente freizuhalten – werden von Dienstag, 4. bis Sonntag, 16. Februar, im Isarforum am Deutschen Museum, Ludwigsbrücke präsentiert. Die Ausstellung ist täglich von 14 bis 19 Uhr, samstags und sonntags bereits ab 12 Uhr geöffnet. Bei der Eröffnung am Montag, 3. Februar, 18 bis 21 Uhr, können Interessierte sich die Arbeiten von den Preisträgern erläutern lassen.

Mehr als 600 Hektar Fläche umfasst die geplante, im Rathaus noch nicht beschlossene Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) im Münchner Nordosten. Die Stadt und der Freistaat besitzen rund ein Viertel des Areals. Etwa 75 Prozent teilen viele private Grundstücksbesitzer unter sich auf. Karte: Planungsreferat

Zusätzlich werden am Donnerstag, 6. Februar, 17 Uhr, Sonntag, 9. Februar, 15 Uhr, und Donners­tag, 13. Februar, 17 Uhr, Führungen von Mitarbeitern des Planungsreferats angeboten. Detailinfor­mationen gibt es unter www.muenchen.de/nordosten.

Was sieht nun der Siegerentwurf mit den drei Nutzungsdichten vor? – Auszüge aus dem Jury­protokoll:

Qualität der konzeptionellen Leitidee(n) mit einer klaren Haltung zum Ort

  • Die Arbeit überzeugt hinsichtlich eines klaren Konzepts basierend auf einem starken Freiraumge­rüst mit prägenden Grünzügen, welches Neubaugebiete vom Bestand separiert und hierdurch eine klare Haltung zum Ort aufbaut • Im Vergleich zu anderen Arbeiten weist dieser Entwurf durchgängi­gere und großzügigere Freiraumbänder in Ost-West-Richtung auf • Ergänzendes, diagonal verlau­fendes Freiraumband als qualitativ hochwertige Nahtstelle mit vielfältigen Nutzungen zwischen Be­stand und Neubauflächen.

Qualität des Städtebaus

  • Die Arbeit erzeugt mit wenig Grundfläche sehr hohe Dichten und damit die meisten öffentlichen Grünflächen bei der Nutzungsdichte mit 30 000 Einwohnern • An den zentralen Bereichen an der neuen U-Bahn-Station wird nach Ansicht des Preisgerichts die im Vergleich zu den anderen Arbei­ten beste bauliche Dichte erreicht • Die klare Abgrenzung zwischen bebautem Raum und Land­schaftsraum erzeugt dabei überzeugende räumliche Qualitäten.

Qualität der Grün- und Freiraumplanung

  • Der Badesee westlich des Hüllgrabens am Übergang zwischen Stadt und Landschaft liegt sehr günstig hinsichtlich der ÖPNV-Anbindung • Die starke Grundstruktur erfüllt stadtklimatische Belange und gleichzeitig auch die geforderten Freiraumnutzungen im Vergleich zu den anderen Arbeiten sehr gut • Die Ost-West Fortführung des Zamillaparks überzeugt • Der Hüllgraben ist als räumliche Zäsur prägnant ausgebildet, entspricht aber im nördlichen Bereich nicht der Landschaftsstruktur dieser Kulturlandschaft • Die sinnvolle Integration der Sport- und Freizeitaktivitäten in das Freiraum­band zwischen Bestand und neuen Siedlungen wird positiv gesehen • Das Aktivitätenband ist im Südosten gelungen an die bestehende Pferdesportanlage angebunden • Der Friedhof als Element des Freiraumgerüsts wirkt bereichernd. Die Position an der Bahn wurde allerdings kontrovers disku­tiert • Die Nutzungen im Freiraum harmonieren sehr gut mit den angrenzenden Nutzungen in den Siedlungsstrukturen.

Qualität der Erschließung und verkehrlichen Lösung

  • Die U-Bahnstation ist schlüssig in der Lage im Konzept integriert •Die Trambahn erschließt mit der Führung an der Nahtstelle zwischen Alt und Neu beide Bereiche gut und gleichwertig. Dies hebt sie von anderen Arbeiten stark positiv ab • Die Quartiersgaragen sind in ihrer Lage gut positioniert. Dem Anspruch an autofreie Quartiere wird in besonderem Maße Rechnung getragen • Die Anbin­dung des Individualverkehrs an die M3 im Norden ist gut und schlüssig in die Siedlungsentwicklung integriert • Der Fuß- und Radverkehr ist sehr gut vernetzt und an die Umgebung angebunden.

Programmerfüllung (Nutzungen, Nutzungsdichten, Entwicklungsabschnitte etc.)

  • Die geforderten technischen Infrastrukturbedarfe sind sinnvoll und schlüssig im Süden gelöst • Die Programmflächen sind entsprechend den Vorgaben im Vergleich zu den anderen Arbeiten sehr gut erfüllt.
Fabian EwaldNordosten: U-Bahn + Badesee + Friedhof