Ismaninger Straße 126: „Das ist eine bodenlose Sauerei“

08.09.2014

Kaum zu glauben, aber Fakt: Seit fast zwei Jahren stehen mitten in Bogenhausen, an der Ismaninger Straße 126, gegenüber den abgerissenen Togal-Werken, in einem Gebäudekomplex – bestehend aus Vorderhaus und rückwärtigem Trakt – neun von elf Wohneinheiten leer. „Das ist eine bodenlose Sauerei“ schimpfte im Bezirksausschuss (BA) Vize-Vorsitzender und CSU-Landtagsabgeordneter Robert Brannekämper. Werden die beiden Gebäude vorsätzlich geschädigt und Mieter vertrieben? fragte die CSU-Fraktion in einem Dringlichkeitsantrag und fordert Erklärungen und Maßnahmen von „allen zuständigen Referaten der Stadt“ – von der Lokalbaukommission (LBK), über die Untere Denkmalschutzbehörde, das Sozialreferat bis zum Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU).

Fotos bei einer Ortsbegehung mit Vertretern der Polizei und des RGU dokumentieren die Situation im Erdgeschoss des Rückgebäudes: Verstopfte Gullys, großflächig verschimmelte Wände, Bauschutt, Kanthölzer. Und: „Sieben Monate stand im Erdgeschoss des Rückgebäudes Abwasser, das trotz Aufforderung durch die Mieterin vom Eigentümer nicht beseitigt wurde“, schreibt Brannekämper. Mündlich ergänzte er im Plenum: „Das Wasser stand mal bis zu 40 Zentimeter hoch“. In dem Antrag wird weiter angeführt: „Bewohner, ehemalige Bewohner und Nachbarn berichten davon, dass sich beide Häuser vor dem Eigentümerwechsel in gepflegtem Zustand befanden, nach dem Eigentümerwechsel aber von Wasserschäden in beiden Gebäuden, von im Winter offen stehenden Fenstern sowie Haus- und Wohnungstüren.

Laut Ansinnen soll das „Vorgehen der Vermieter mit allen der Stadt zur Verfügung stehenden Mitteln“ verhindert werden. Zudem ist dem BA darzustellen, welche konkreten Maßnahmen die Referate in der Vergangenheit ergriffen haben und in Zukunft ergreifen werden, um den Wohnraum zu erhalten und für geordnete Verhältnisse zu sorgen. Garniert ist die Aufforderung mit zwei delikaten Fragen: Seit wann sind der Landeshauptstadt die Leerstände und seit wann sind ihr die untragbaren Zuständen bekannt?

In seiner Begründung argumentiert Brannekämper: „Da die Mieterin des Rückgebäudes durch den Investor nicht ordentlich gekündigt werden konnte, droht ihr nun auf Grund eines beantragten Negativattests zur Gebäudesubstanz durch das Sozialreferat der Verlust des Wohnraums“. Ein Negativattest belegt, dass ein Gebäude nach der Überprüfung nicht mehr bewohnbar ist, eine Sanierung kaum mehr in Frage kommt und ein Abriss möglich ist. „Das Referat muss Nein sagen, damit ein Abriss verhindert werden kann“, forderte der Lokalpolitiker. Indes ist laut BA-Planungsexperte Frank Otto (SPD) „ein Negativattest bereits erteilt, weil gleichzeitig ein Antrag zur Sanierung, also zum Erhalt, gestellt worden ist“. CSU-Sprecher Xaver Finkenzeller betonte: „Der Zustand des Gebäudes ist eine Schande für Bogenhausen. Wir wollen das Haus und die Wohnungen unbedingt erhalten“.

Seit vergangenem Herbst ist die Hausfront – die Fassade war Anfang der siebziger Jahre mit einem Preis der Landeshauptstadt ausgezeichnet worden – mit Planen verhüllt, ist bis zur Unterkante des ersten Stockwerks wieder ein Gerüst mit Dach über Geh- und Radweg installiert. Wieder, weil Monate zuvor bei einem Sturm das Gerüst umgekippt war. Hatte man zu dieser Zeit einen kurzen Blick auf das stattliche, 1901 gebaute Renaissance-Anwesen mit seinen Erkern geworfen, sah man eine türkisgrüne Fassade und mit weißem Stuck umrandete Fenster. Bei genauerem Hinsehen erkannte man aber, dass der Putz bröckelt. Hinter vielen Fenstern hingen keine Vorhänge mehr, vereinzelt sind Risse im Glas mit Klebeband geflickt, einige Fenster ohne Scheiben wurden mit Holzplatten verkleidet. Kurzum: Der Gebäudetrakt ist marode.

In den Häusern gab’s im Laufe der Zeit einen Exodus. Nach mehrfachem Verkauf wurden zuletzt Modernisierungsmaßnahmen angekündigt, verbunden mit teils mehr als doppelt so hohen Kaltmieten. Bis auf drei zogen alle Bewohner nach und nach aus, eine gewachsene Gemeinschaft löste sich auf.

Nach einem Bauschild sucht man an dem Gebäude vergeblich. „Eigentümer ist eine ehemalige Projektgesellschaft der Grund & Boden mit Sitz in Grünwald“, so Vorstand Walter Dietrich.Zusammen mit einem Investor sei eine Projektgesellschaft zwecks Sanierung und Schaffung von zusätzlichem Wohnraum gegründet. „Wir haben den Mietern die Sanierung angekündigt und sozialverträglich entmietet“. Bedeutet Wohnraumbeschaffung und Abfindung, bis auf das besagte Trio. Und: Nach einem Streit mit dem Investor „habe ich mich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen“.

Die verhüllte Fassade des bis auf zwei Wohnungen leer stehenden Gebäudes an der Ismaninger Straße.      Foto: WiB

Die verhüllte Fassade des bis auf zwei Wohnungen leer stehenden Gebäudes an der Ismaninger Straße. Foto: WiB

Ein Gerüst mit Dach über Geh- und Radweg schützt Passanten vor abbröckelnden Putz. Foto: WiB

Ein Gerüst mit Dach über Geh- und Radweg schützt Passanten vor abbröckelnden Putz. Foto: WiB

Alexander MihatschIsmaninger Straße 126: „Das ist eine bodenlose Sauerei“