Russisch-orthodoxe Kirche: Nein, nein, nein!

11. Oktober 2019

Erster Entwurf abgelehnt, zweiter Entwurf abgelehnt – und jetzt der dritte Entwurf: abgelehnt! Seit 2010 will die russisch-orthodoxe Kirche durch die Tihon-Stiftung als Bauherrin in Englschalking auf dem Grundstück Knappertsbuschstraße 26 / Ecke Bruno-Walter-Ring, einem Areal mit zwei brach liegenden Tennisplätzen, auf knapp 7000 Quadratmeter Grund ein Gottes­haus mit Nebengebäude bauen. Und nun die dritte Vorlage: Kirche mit einem „Gemeindezentrum“-Block und einem wuchtigen Riegel.

Laut CSU-Fraktionssprecher Xaver Finkenzeller lehnt die Lokalbaukommission (LBK) im Planungs­referat die Pläne ab: „Die Mitarbeiter haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie das gesehen haben.“ Und auch die Mitglieder des Bezirksausschusses votierten einstimmig gegen das Mammutprojekt. Die Stiftung plant – die Unterlagen wurden von einem Münchner Rechtsanwaltsbüro (!) eingereicht, sie stammen von einem Architekten aus Berlin – nämlich nun den „Neubau einer Kirche mit Gemeindezentrum, Kindertagesstätte, Seniorenpflegeheim (inkl. Tagespflege) sowie Mitarbeiterwohnungen und Tiefgarage“.

Der L-förmige Komplex mit dem Gotteshaus im Eck sieht auf der einen Seite (zum Bruno-Walter-Ring) einen Riegel mit sechs und auf der anderen Seite einen Trakt mit vier Stockwerken vor. Fin­kenzeller erst süffisant „in St. Peterburg wäre so was wohl denkbar“, dann aber außer sich:

Der dritte Entwurf für das Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche auf dem Grundstück Knappertsbuschstraße 26 / Ecke Bruno-Walter-Ring – ein Mammutprojekt. Plan: Milkoweit Architekten.Cohrs Plaasch GbR / Foto: hgb

„So eine Planung habe ich lange nicht gesehen. Das ist eine Vergewaltigung des architektonischen Gebots. Denen müsste man auf gut Deutsch gesagt den Vogel zeigen, die müsste man kommen lassen und abwatschen. Das Ganze ist eine Katastrophe.“

Und sachlich weiter meinte der Jurist: „Das ist mit dem Bebauungsplan nicht vereinbar, das passt überhaupt nicht in die Umgebung. Wir wollen nicht noch ein weiteres schwieriges Bauvorhaben an dieser Ecke, wo es mit dem WHG und dem Verkehr doch eh schon schwierig werden wird.

Wir kön­nen dort vor allem durch die Nebeneinrichtungen keinen zusätzlichen Verkehr gebrauchen.“ Und zur Finanzierung: „Angeblich ist neues Geld vorhanden, woher auch immer …“

Die Chronologie zum Hintergrund • Juni 2010, erste Anfrage: Bau eines Gotteshaus „im Stil des vorigen Jahrhunderts“, so ein Lokalpolitiker, samt Zentrum für 300 Personen, Unterrichtsräumen, Kindertagesstätte sowie 22 Parkplätzen. Der Kirchturm sollte (ohne Kreuz) 32 Meter hoch werden – zehn Meter höher als die neungeschossigen Wohngebäude in der Nachbarschaft. Dazu muss man wissen: Im Bebauungsplan aus dem Jahr 1966 ist die Art der Nutzung des Areals mit „katholische Kirche“ festgesetzt. Die russisch-orthodoxe hatte der katholischen Kirche das Areal abgekauft.

Als Bauherrin wurde die Tihon-Stiftung angegeben, die sich der „Förderung von Bildung und Erzie­hung, Kunst und Kultur, Jugend- und Altenhilfe, Religion in der Tradition sowie der selbstlosen Unterstützung einzelner bedürftiger Personen“ verschrieben hat. Im Vorstand der Stiftung ist der Priester für München und Dachau, Nikolai Zabelitch. Seinen Angaben zufolge wird die Tihon-Verei­nigung von „Mitgliedern und verschiedenen Quellen unterstützt, wie russischen Firmen“. Von daher fließen die Mittel für das Projekt. Den Kaufpreis für das Grundstück wollte Zabelitch nicht nennen, die Baukosten für das Zentrum schätzte er auf „etwa zehn Millionen Euro“ – wohlgemerkt vor knapp zehn Jahren.

September 2012, zweite Version: Der Eingangsbereich des Komplexes wurde auf Geländeniveau abgesenkt, wodurch die Kirche rund 6,5 Meter niedriger wird – sie wäre nun etwa so hoch wie die angrenzenden Wohntürme. Gleichwohl wurde von der Stadt wie auch dem Kommunalparlament moniert, dass „der historisch monumentale Baukörper mit der opulenten Optik wie ein Fremdkörper in der Umgebung wirkt“.

Seitliche Ansicht des sechsstöckigen Zentrums mit Seniorenpflegeheim und der dahinter liegenden russisch-orthodoxen Kirche. Plan: Milkoweit Architekten.Cohrs Plaasch GbR / Foto: hgb

August 2014: „Die Baugenehmigung wurde mit Bescheid vom 11. August 2014 erteilt, sie gilt vier Jahre, sie läuft somit am 11. August 2018 ab, wenn bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit der Ausfüh­rung des Baus begonnen wird“, so Pressesprecher Thorsten Vogel vom Planungsreferat.

September 2016: Matthias Kobro, Öffentlichkeitsarbeit, erklärte namens Erzpriester Zabelitch, auf die Frage, ob das Vorhaben noch verfolgt werde: „Die Pläne zum Bau einer Kirche werden weiter­hin verfolgt. Um mit dem Bau beginnen zu können, wird die Aufnahme eines Bankdarlehens ge­prüft. Dazu wird Eigenkapital benötigt, das durch Spenden zustande kommen soll.“

Laut der Kirchen-Internet-Seite www.voskresenie.de ruft man zu Spenden auf, um dieses Bankdarlehen erhalten zu können. Via 500 „Wandblöcke“ zu je 1800 Euro – auch bezahlbar mit monatlich 30 Euro Spenden über fünf Jahre – sollen zu diesem Zweck 900 000 Euro zusammenkommen.

September 2017: Das eingezäunte, an den Rändern dicht von Büschen gesäumte Areal, liegt brach, verwildert, vermoost, dient als eine Art Baumschule. Apropos „Moos“: Unter „Aktueller Spen­denstand“ heißt es auf der Netz-Seite der Kirche: „Zum 31.12.2016 konnte die Tihon-Stiftung in den letzten zwei Jahren Spender für 130 Wandblöcke (zu je 1800 Euro) gewinnen. Summe 234 000 Euro. Etwa die Hälfte davon, rund 117 000 Euro, ist vorhanden; die zweite Hälfte wird unter >Zugesichert< registriert …“

Mai 2018: Antrag auf Verlängerung der Baugenehmigung – Laufzeit zwei Jahre.

August 2018: „Doch, doch, wir wollen bauen, wir haben noch Hoffnung. Wir haben finanzielle Probleme, wir haben nicht genügend Geld. Wir sammeln weiter Spenden, um von der Bank einen Kredit zu bekommen“, so Erzpriester Zabelitch auf Nachfrage.

Alexander MihatschRussisch-orthodoxe Kirche: Nein, nein, nein!