Nordosten: Wie die Jugend leben will

10. April 2017

Wenn in etwa 15 bis 25 Jahren, also frühestens ab dem Jahr 2032, die Wohnungen der Städtebau­lichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) auf dem 600 Hektar großen Areal im Nordosten von Bogen­hausen bezugsfertig sind, sind die Jugendlichen von heute potentielle Bewohner der bis zu 18 000 Wohnungen – ob als Single, als Ehepaar oder bereits als Familie. Im Rahmen des Projekts „Plan Nord Ost“ fassten etwa 300 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schultypen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren in vier Digitalwerkstätten ihre Ideen und Vorstellungen zusammen.

Zur Orientierung: Der künftige Stadtteil ist eingerahmt von der Trasse der S-Bahnlinie 8 zwischen Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen, von den Grenzen zu den Gemeinden Unterföhring und Aschheim sowie dem Lebermoosweg (ehemalige Gütergleis-Trasse) und der Riemer Straße.

Seit rund drei Jahren arbeiten die Fachleute an Konzepten. Inzwischen liegen drei Planvarianten mit phantasievollen Bezeichnungen auf dem Tisch, die von Bürgern in Workshops lebhaft diskutiert und kritisiert wurden: Die „Perlenkette“ (eine Entwicklungsachse entlang der S8), „Neue Quartiere am Hüllgraben“ (Brückenschlag nach Riem) und „Küstenlinie“ (Landschaft und Stadt werden dabei verzahnt). Neben Wohnraum sollen auch mehr als 10 000 Arbeitsplätze entstehen.

In vier Digitalwerkstätten hatten die jungen Leute unter dem Motto „Dein Viertel in Zukunft“ mit dem Computerspiel Minecraft, mit Audioguide, via Talkbox und in einer Forschungswerkstatt Positionen zur Stadtentwicklung erarbeitet und aufbereitet. Das Projekt wurde organisiert und veranstaltet vom JFF (Jugend • Film • Fernsehen) Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis unter Anleitung von Annabelle Jüppner und Sebastian Ring.

Das Modell zeigt ein „Kino mit angeschlossenem Restaurant“. Und: „Das Gebäude ist auf eine modulhafte Bauweise ausgelegt. Die das Dach schmückenden Dreiecke sollen als horizontal verschiebbare Solarplatten fungieren.“    Foto: hgb

Das Modell zeigt ein „Kino mit angeschlossenem Restaurant“. Und: „Das Gebäude ist auf eine modulhafte Bauweise ausgelegt. Die das Dach schmückenden Dreiecke sollen als horizontal verschiebbare Solarplatten fungieren.“ Foto: hgb

Zum besseren Verständnis: Minecraft ist eines der gegenwärtig populärsten Computerspiele, das jüngst auch zum Tool für Bildung avanciert ist. Der Kreativität und den Ausdrucksmöglichkeiten sind in dem Spiel fast keine Grenzen gesetzt.

Wie sieht das „unser Viertel“ im Jahr 2040 aus und wie fühlt es sich an?

Dazu erstellten die Jugend­lichen einen Audioguide, in dem sie ihre Ideen für das neue Stadtviertel erzählen. Den Guide kann man sich bei einem Spaziergang über das Planungsgebiet auf dem Smartphone anhören.

In der Forschungswerkstatt ging’s um soziale, ökonomische und kulturelle Aspekte des Planungsvorhabens. Wünsche und Bedürfnisse wurden von den Kids diskutiert und in einem Online-Fragebogen und sowie in Videoclips aufbereitet. Die vierte Werkstatt, Talkbox, wurde im „öffentlichen Raum“, so Ring, vor allem in den Riem-Arcaden, mit Interviews durchgeführt.

Bei einer Konferenz im Siemens-Komplex an der Richard-Strauss-Straße haben die jungen Leute nun ihre Wünsche und Ideen zum Planungsprozess – voraus ging ein Welcome Talk mit Angelika Pilz-Strasser (Grüne), Vorsitzende des Bogenhauser Bezirksausschusses, und Magdalena Miehle vom Kommunalparlament Trudering-Riem – präsentiert, nachdem Bauoberrätin Ruth Büchele vom Planungsreferat unter dem Aspekt „Was passiert da gerade“ die Stadtentwicklung erläutert hatte. Und: „Wie geht es weiter?“ – dazu bezogen die Stadträtinnen Anja Burkhardt (CSU), Bettina Messinger (SPD) und Jutta Koller (Grüne) Stellung.

Was aus Sicht des „Nachwuchses“ passieren soll – das ist überraschend, das ist teils witzig-verrückt, teils ungewöhnlich, das ist kreativ und auch teils realisierbar. Jedenfalls gab’s laut Veranstalter „viele super und auch einige spinnernde Ideen“. Die phantasievollen Vorschläge zeugen rundum von einem lobenswerten Engagement und von fundiertem Computerwissen. Beweis dafür ist sind vier in 3D-Druck gefertigte Modelle.

ÖNPV in Daglfing, Bahnhof: Laut Beschreibung stand bei der äußeren Form die Bauart „form follows function“ an vorderster Stelle. Und: „Durch das weit hervorragende Dach soll nicht nur der Schutz vor der Sonne gegeben sein, sondern auch vor Regen und Schnee. Das Material auf der Dachoberfläche besteht aus Edelstahl.     Foto: hgb

ÖNPV in Daglfing, Bahnhof: Laut Beschreibung stand bei der äußeren Form die Bauart „form follows function“ an vorderster Stelle. Und: „Durch das weit hervorragende Dach soll nicht nur der Schutz vor der Sonne gegeben sein, sondern auch vor Regen und Schnee. Foto: hgb

Ein Jugendzentrum im neuen Viertel: Das wünschen sich laut einer Online-Umfrage – in der Forschungswerkstatt von der Klasse 12b, also von 17- und 18-Jährigen, der Rudolf-Steiner-Schule in Daglfing ermittelt – knapp 70 Prozent der Befragten. Fast eben so viele Jugendliche möchten einen Treff, eine Talkbox, haben.

Und zwar in den Riem-Arcaden, wo es cool ist, wo man „abhängen“ kann, wo das Feeling passt, wo man shoppen kann. Online erfragt wurden sieben Komplexe, darunter der ÖPNV in Dagelfing. Das Ergebnis dazu: ein Bahnhof im Maßstab 1 : 100.

Die Schüler vom Gymnasium Trudering haben sich unter den drei städtischen Planvarianten für das Modell „Küstenlinie“, bei dem Landschaft und Stadt verzahnt werden, per Abstimmung entschieden und mit Minecraft kreativ einen Stadtteil mit Wohngebäuden, Park, Schwimmbad, See, Erlebnispark und einer Air-Hop-Halle konstruiert.

Letztere Beschreibung macht klar, dass Erwachsene oft schwer nachvollziehen können, was die Jugend bewegt und ihr wichtig ist. Bei AirHop springt man vor Freude – ganz einfach Trampolin. Der Wunschstandort der Halle: „In der Nähe der geplanten U-Bahn und der alten Galopprennbahn. Mit einer direkten Anbindung zur Hauptstraße und ausgestattet mit vielen Fahrradstellplätzen.“

„Spaziergänge“ mit Erzählungen machten neun Teams aus der achten Klasse von der Mittelschule an der Knappertsbuschstraße. Die Gruppe Leben will „freies WLAN und wenig Polizei, weil wir ein friedliches Stadtviertel sind. Wir wünschen uns von dem neuen Viertel, dass es keine Waffen gibt. Es soll außerdem Fastfood-Ketten geben, damit man keine so weiten Wege hat, wenn man etwas essen gehen möchte.“

Die Mannschaft Öffentlicher Raum will, „dass es im neuen Viertel nicht langweilig wird, beispiels­weise durch Extra-Straßen zum Gokart-Fahren.“ Die Gruppe Verkehr erläutert: „Unser Wunsch ist, dass es keine Unfälle gibt, dass die Autos selbst fahrend sind. Falls die Technik bis 2040 doch noch nicht so weit ist, wünschen wir uns einen Bahnhof oder eine U-Bahn-Station. Und für die Freizeit: eine Achterbahn und eine Schlittschuhbahn, die man auch im Sommer benutzen kann.“

Das Team Energie hofft, dass es „Magnetautos gibt, weil sie leiser und umweltfreundlicher sind. Und wir wünschen uns hier Sicherheit, Frieden und Spaß. Außerdem soll es überall freies WLAN geben. Die Gruppe Industrie und Arbeit will „den modernen Arbeitsplatz. Dabei wird der Mensch durch Maschinen ersetzt. Und außer den Wohnhäusern sollen alle Gebäude aus Glas sein.“

„Eine Begegnungsstätte für Jung und Alt mit Kinosaal und Café, weil es davon gibt es im Raum Englschalking, Daglfing und Johanneskirchen zu wenige gibt“, heißt es in der Beschreibung zum „Filmpalast“. Und: „Der untere Teil des Hauses, das Kino, soll aus Ziegelstein bestehen. Bei den Fensterelementen im ersten Stock habe ich mich am Bauhaus-Stil orientiert.“     Foto: hgb

„Eine Begegnungsstätte für Jung und Alt mit Kinosaal und Café, weil es davon gibt es im Raum Englschalking, Daglfing und Johanneskirchen zu wenige gibt“, heißt es in der Beschreibung zum „Filmpalast“. Und: „Der untere Teil des Hauses, das Kino, soll aus Ziegelstein bestehen. Bei den Fensterelementen im ersten Stock habe ich mich am Bauhaus-Stil orientiert.“ Foto: hgb

Das Trio von Wohnen will Häuser mit moderner Technik, mit Solaranlagen, Sprachfunktion und Überwachungskameras. Die Natur „soll nicht ganz verschwinden.“

Die Gruppe Bildung plädiert für eine moderne Schule, in der es flexible Unterrichtszeiten, wenig Prüfungen und iPads statt Hefte gibt. Hier sind alle Schultypen in einem Gebäude vereint. Außerdem gibt es ein Museum über 2017“.

Die Gruppe Krankenhaus möchte ein Klinikum, das „sehr modern ist und technisch ausgestattet ist und das man auch mit Vergnügen verbindet. Viele verschiedene Menschen sollen hier leben, damit man neue Bekanntschaften machen kann und dass eine harmonische Stimmung herrscht.“

Das Quartett Einkaufszentrum der Freiheit befasste sich mit „modernen Einkaufsmöglichkeiten. In dem sehr speziellen, gläsernen Einkaufszentrum sind alle Läden vereint. Wir wünschen uns, dass unsere Ideen in die Pläne der Stadt integriert werden und dadurch das Viertel 2040 neu erwacht.“

– Titelbild: hgb –

Alexander MihatschNordosten: Wie die Jugend leben will