Vogelschutz: „Einfach mehr Wildnis wagen“

6. Mai 2019

Die meisten Autofahrer kennen es aus der Vergangenheit: Bei einer Fahrt auf der Autobahn, auf dem Isarring oder der Effnerstraße war an warmen Tagen die Frontscheibe übersät und verschmiert mit toten Insekten. Und heute? Kaum ein Fleck ist mehr zu sehen. Der Grund: Den Insekten fehlt der Lebensraum. So ergeht’s auch den Vögeln.

Vogelschutz in Bogenhausen – was können wir tun, um den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen und die Populationen unserer Vogelarten zu erhalten? So war ein Workshop des Bezirksauschus­ses überschrieben. Drei Fachleute und mehr als drei Dutzend Interessierte bezogen Stellung und machten konkrete Vorschläge für Maßnahmen, über die das Kommunalparlament demnächst zu befinden hat.

Initiiert und vorbereitet hatten die Veranstaltung – Lokalpolitiker aller Parteien waren vertreten, souverän moderiert wurde sie von Stadtplaner Markus Weinkopf – ÖDP-Fraktionssprecherin Nicola Holtmann und Andreas Baier, Vorsitzender des Untergremiums Stadtgestaltung, Öffentlicher Raum und Ökologie.

Markus Bräu, Diplom-Ökologe vom Referat Gesundheit und Umwelt (RGU), hob hervor: „München, die dichtest besiedelte Großstadt Deutschlands mit 49 Einwohner pro Hektar, ist im Vergleich ein >Hot Spot< der Artenvielfalt.“ Die Biodiversität, also die biologische Vielfalt der Lebewesen, hat einen einfachen Grund: Isar, Bäche wie der Brunnbach im Grüntal, Feuchtgebiete, Trockenbiotope, Wälder und Grünanlagen.

Workshop Vogelschutz in Bogenhausen – was können wir tun? mit (v. li.) Moderator Markus Weinkopf und den Fachreferenten Sophia Engel (Landesbund für Vogelschutz in Bayern), Markus Bräu (Referat Gesundheit und Umwelt) und Manfred Siering (Ornithologische Gesellschaft in Bayern). Foto: hgb

Wesentliche Aufgabe „seiner“ Behörde ist es, den Bestand zu erfassen, zu analysieren und Defizite aufzudecken. Gemäß mehr als 15 Jahre alter Zahlen gibt es in München 141 Biotope mit 114 Brut­vogel-Arten. Im Gebiet der SEM, der geplanten Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme entlang der S-Bahnlinie zwischen Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen, wurden vor sieben Jahren 55 Vogelarten, davon 41 Brutvogel-Arten, erfasst.

Gleichwohl gab und gibt es unzählige Handlungs­felder wie beispielsweise entlang des Bahndamms Johanneskirchen mit Pflegearbeiten und Anlage von Hecken. Es gelte, so Bräu, für die Stadt wie auch für die Bürger, „naturbewusst zu handeln. Das Motto: Vielfalt für München, München für Vielfalt.

Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern, erschreckte manch einen der Besucher mit dem „bundesweit registrierten dramatischen Vogelschwund: In zwölf Jahren sind zwölf Millionen Vögel verschwunden, darunter viele (Haus-)Sperlinge und Stare.“ Als Gründe dafür nannte sie:

Extremer Verlust von alten, großen Bäumen, Sanierung alter Häuser („kein Platz mehr für die Gebäudebrüter“), Verdichtung („Alt-Bogenhausen ist ein Musterbeispiel“), vogelfeindliche Bauten mit Glasfassaden („auch im Prinz-Eugen-Park; die Tiere erfassen die Spiegelung nicht, jedes Jahr gibt’s hierzulande durch Aufprall Millionen tote Vögel; Streifen auf dem Glas helfen“), „Störungen durch Menschen wie Grillen an der Isar“, Verlust von Landschaftsarealen („Gewerbegebiet Hüllgra­ben“) sowie „eintönige Gestaltungen von öffentlichen Grünflächen und Gärten, die den Vögeln nichts bieten.“ Kurzum: Immer weniger Lebensräume für die Piepmätze. Der massive Schwund von Amseln im vergangenen Jahr indes hat keine dieser Ursachen. Auslöser war damals ein Virus.

Einfache Hilfe für Piepmätze, im Bild ein Buntspecht vor einem Baum: Zweige und Futterknödel an Blumenkästen. Foto: ikb

Manfred Siering von der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, seit 52 Jahren Dozent an der Volkshochschule, machte deutlich, dass nicht alles erklärbar ist:

„Im Umfeld des Ökologischen Bildungszentrums (ÖBZ; dort fand der Workshop statt) war vor Jahren das Verhältnis von Grün- zu Grauspecht in etwa fifty-fifty. Jetzt ist der Grauspecht ganz verschwunden – ein Phänomen.“ Haus­besitzern rät er „ein wenig mehr Wildnis in ihren Gärten zu wagen, keine Mähroboter zu verwenden, denn die saugen alles auf, auch die Insekten.“

Ein Besucher überraschte mit seinen Beobachtungen: „Durch die Bauarbeiten im Prinz-Eugen-Park sind viele Vögel in die Kleingärten im Schlösselgarten an der Cosimastraße ausgewichen.“ Eine Frau meinte dazu: „Die Natur regelt eben wie beim Krähenbestand vieles von selbst.“ Ob die gefie­derten Wesen nach Abschluss der Arbeiten im neuen Stadtquartier wieder in ihre alte Heimat zurückkehren? Die Experten konnten keine Antwort geben. Einige Antworten und Forderungen von Anwesenden, was in Bogenhausen für besseren Vogelschutz gemacht werden kann:

  • mehr Büsche und Hecken (einheimische Gehölze wie Brombeeren, keine Thujen, keine Kirschlorbeersträucher)
  • Straßenbegleitgrün naturnah gestalten (nicht öde wie an der Richard-Strauss-Straße)
  • Aufwertung der Grünflächen (Stadt soll Vorschläge machen)
  • Wildblumeninseln in Grünflächen
  • Biotope in öffentlichen Grünanlagen schaffen und schützen
  • qualitative Kartierung der Grünflächen
  • einfach mal mehr Wildnis wagen
  • Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) anschreiben mit Handlungsanweisung, wie Rasen- in blühende Wiesenflächen umgewandelt werden
  • Laubbläser verbieten; Wohnungseigentümergemeinschaften anschreiben
  • Pflegearbeiten (Stadt wie Privatleute) reduzieren
  • Reduzierung der Auslichtung von Gehölzen (Stadt wie Privatleute)
  • Baumfällungen stoppen, Ersatzpflanzungen durchsetzen und vornehmen
  • Bürger und Bezirksauschuss früher in (Bau-)Planungen einbeziehen
  • Naturräume sauber halten (Abfälle und Kippen an und in Baumeinrahmungen bei Bus- und Tram-Haltestellen sind Giftstoffe für Bäume)
  • Dachbegrünungen mit (gestaffelten) Fördermitteln schaffen
  • keine ebenerdigen Parkplätze mehr genehmigen
  • Glasflächen an Gebäuden sichtbar machen durch Streifen oder Muster
  • öffentliche Beleuchtung reduzieren, Umgebung so Insekten freundlicher machen
  • weniger dichte Bebauungen, Zwischenräume lassen
  • „Besucherlenkung“ in öffentlichen Grünanlagen – mehr Ruhe für Bodenbrüter
  • „Gassi-Routen“ in Grünanlagen ausweisen (frei für Hunde, Hunde an die Leine, keine Hunde)
  • Einführung einer Katzensteuer
  • Quartiere für Gebäudebrüter schaffen
  • Bejagung von Vögeln in der Stadt stoppen

Wie geht’s nun weiter? Vom Ergebnis des Workshops erstellt das Duo Holtmann / Baier ein Proto­koll, das alle Mitglieder des Bezirksausschusses erhalten, die Korrekturen und Ergänzungen ma­chen können. Die Vorlage soll dann im Unterausschuss Stadtgestaltung beraten und entschieden werden, ob dem Kommunalparlament (interfraktionell) Einzel- oder Paketanträge zur Abstimmung präsentiert werden.

Wiese am Effnerplatz vor der Mae West: Eine schönes und zugleich sinnvolles Wildblumenareal, da Lebensraum für Insekten im Sommer 2014. Ob’s heuer auch so blüht oder ob alles gleich gemäht wird? Foto: ikb

 

Alexander MihatschVogelschutz: „Einfach mehr Wildnis wagen“