Am Hüllgraben: „Was ist hier los?“

25.03.2015

„Vor ein paar Wochen war alles noch intakt, jetzt sieht’s aus wie eine Mondlandschaft“, wetterte im Bezirksausschuss (BA) Vize-Vorsitzender und Landtagsabgeordneter Robert Brannekämper. Was der CSU-Politiker anprangerte: Massive Erdarbeiten im Gewerbegebiet Am Hüllgraben. Der Forderung nach Aufklärung durch das Planungsreferat stimmten die Kommunalparlamentarier zu.

Ein von Brannekämper und Lokalpolitiker Adalbert Knott gezeichneter Dringlichkeitsantrag mit vier erschreckenden Farbfotos, die die Missstände darlegen, und der Titelzeile „Hüllgraben, was ist hier los? Besorgte Bürger wollen Informationen!“ ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Die Geländemulde mit Trockenrasenvegetation wurde teilweise verfüllt, der Trockenrasen abgeschoben. Foto: LBV

In der einhellig verabschiedeten Forderung heißt es: „Das Planungsreferat sorgt dafür, dass die laufenden Baumaßnahmen am Gewerbegebiet Hüllgraben ausreichend dokumentiert und für die Öffentlichkeit plakativ vor Ort dargestellt werden. Des Weiteren überprüft das Referat, ob die Vor­gaben des Bebauungsplans durch die beauftragten Firmen zu den Themenkomplexen schonender Umgang mit den Magerwiesen, Sicherung des geschützten Bäume, keine Abgrabungen und Aufschüttungen bzw. Erhalt des natürliche Geländes eingehalten werden.“

Zum Gewerbegebiet Am Hüllgraben muss man wissen: Besitzer und Erschließungsträger des Areals ist die Firma Aurelius Real Estate GmbH & Co. KG. „Leider werden die von der Stadt gemachten Vorgaben im Bebauungsplan von der Aurelius und von den von ihr beauftragten Unter­nehmen scheinbar nicht umgesetzt. Der Bebauungsplan regelt an sich alle erforderlichen Punkte“, heißt es in der Begründung des Ansinnens.

Folgend wird argumentiert: „Der Grundsatz des Grünordnungskonzeptes ist, Eingriffe in den sensib­len Landschaftsraum durch das neue Baugebiet zu minimieren bzw. so verträglich wie möglich zu gestalten. Die mageren Wiesenflächen sind zu erhalten und extensiv zu pflegen, um ihre Lebens­raumfunktion zu stärken.“ Weiterhin gelte es die natürliche ebene Geländeform im Planungsgebiet weitestgehend zu erhalten.

Vor den Bauarbeiten: Ein Schäfer zieht durch die Landschaft am Hüllgraben – ein Schnappschuss vom Mai 2013. Der größte Baum im Bild, eine prägende Schwarzpappel, sollte laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) einem Radweg weichen. Die Organisation konnte den Eingriff in letzter Minute verhindern, hat die vorläufige Sicherstellung des Baums als Naturdenkmal beantragt.    Foto: LBV

Vor den Bauarbeiten: Ein Schäfer zieht durch die Landschaft am Hüllgraben – ein Schnappschuss vom Mai 2013. Der größte Baum im Bild, eine prägende Schwarzpappel, sollte laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) einem Radweg weichen. Die Organisation konnte den Eingriff in letzter Minute verhindern, hat die vorläufige Sicherstellung des Baums als Naturdenkmal beantragt. Foto: LBV

Aber: „Die Wirklichkeit vor Ort sieht bedauerlicherweise gänzlich anders aus. Es wird auch nicht mittels von Plakaten darüber informiert, was auf der Baustelle genau passiert.

Die Bürger sehen lediglich riesige Erdbewegungen und die Zerstörungen einer bis dahin intakten Natur- und Erho­lungslandschaft im Münchner Osten.“

Passend zum heutigen Bild des Hüllgrabens ist die märchenhafte Formulierung „es war einmal.“ Es war einmal ein Idyll, es war einmal mit rund 15 Hektar eine der größten Grünflächen Münchens, gelegen in einem Dreieck zwischen der A94, der Zugstrecke nach Mühldorf und den Gleisen der S-Bahn.

Doch dann suchte die Stadt nach einer Alternative für Unternehmen eines Gewerbeareals an der Paul-Gerhardt-Allee in Pasing, das für den Wohnungsbau benötigt wurde. Die Standortwahl fiel auf die Brachfläche in Daglfing – Platz für rund drei Dutzend Betriebe, vornehmlich aus Pasing.

Diese prächtige alte Silber-Weide wurde beim Abschieben einer Geländemulde am Hüllgraben, so der Landesbund für Vogelschutz (LBV), durch Baumaschinen beschädigt, entging der Fällung nur knapp. Foto: LBV

Gegen die massiven Widerstände der Bezirksausschüsse in Bogenhausen und Trudering-Riem sowie von Naturschutzverbänden hatte der Stadtrat dann im Frühjahr 2012 für den Hüllgraben einen Bebauungsplan beschlossen – 50 000 Quadratmeter Mega-Gewerbegebiet, 100 000 Quadratmeter als naturschutzrechtliche Grün- und Ausgleichsfläche.

Just die Arbeiten an den letzteren Flächen bewegen und erregen jetzt die Gemüter.

Es ist augenfällig: Der Naturlandschaft Hüllgraben hat sich bereits ein großes Stück weit verändert – und wird sich künftig noch stärker verändern.

Für mehr als drei Millionen Euro wurde längst ein Anschluss an die Autobahn gebaut – die Kurven der Aus- bzw. Zufahrt sind für große Lastwagen aber eng, die Brummis überfahren oft Gehwege und Grünflächen.

Laut März-Pressemitteilung der Aurelius Real Estate ist jetzt „das erste von insgesamt vier Grundstücken“ verkauft worden. Der Erwerber, der (noch) anonym bleiben möchte, verlagert seine Firma von Pasing nach Daglfing – auf sein 10 000 Quadratmeter großes Grundstück.

Alexander MihatschAm Hüllgraben: „Was ist hier los?“